POETISCHER und BÜRGERLICHER REALISMUS

 

Der poetische Realismus umfasst die Werke jener Dichter, deren Wirken den künstlerischen Höhepunkt der realistischen Strömung bedeutet. Die Bezeichnung „poetisch“ leitet sich von dem Umstand ab, dass der Realismus in Deutschland auch offen für Erfundenes, Poetisches war. Er beschränkte sich nicht nur auf bloße Beschreibung der Wirklichkeit, sondern war auch offen für eine ästhetische (oft zumindest in gewissem Maße schönfärberische) Darstellung der Realität. „Poetisch“ nannte sich dieser Realismus, weil er bei allem Streben nach Wirklichkeitsdarstellung auf das Auswahlprinzip des Stils noch nicht verzichten wollte. Man hatte durchaus einen Sinn für poetische Formen. Man vermied Krasses und Geschmackloses. So entstand eine poetische, optimistisch-gesunde, bürgerliche Wirklichkeitsdichtung.

 

Der poetische Realismus wollte die hellen Seiten des Lebens darstellen, wobei er aber das Individuelle, Charakteristische und nicht - wie die Klassik - das Typische herauszuarbeiten versuchte. Man betonte das Gesunde im Leben; man ging dem Hässlichen und Krankhaften nicht aus dem Weg, ließ es jedoch im Gegensatz zum Naturalismus nicht vorherrschen.

 

Die Werke des poetischen Realismus schildern die Menschen so, wie sie sind, und nicht wie sie sein sollten. Es handelt sich dabei um eine lebensbejahende, optimistische Wirklichkeitsdichtung, die deutlich zu unterscheiden ist vom späteren pessimistischen Naturalismus, der alles Negative mit Vorliebe betonte und aufsuchte.

 

Träger dieser Bewegung war im deutschen Sprachraum das Bürgertum. Die handelnden Charaktere sind in der Regel im Bürgertum angesiedelt, bürgerliche Werte und Ideen spielen eine besondere Rolle. Daher spricht man auch oft vom bürgerlichen Realismus.

 

Es wurden nicht mehr Personen aus den obersten Kreisen der menschlichen Gesellschaft zu Helden der Dichtung gewählt, sondern man bevorzugte die mittleren Schichten, das Bürgertum (Gelehrte, Handwerker, Kaufleute, Angestellte). Das eng umgrenzte, fleißige Leben dieser Mensch mit Sinn für das Einfache, Schlichte, Echte, Wahre und Natürliche, für Heimat und Volk wurde dargestellt. Bei allem politischen und religiösen Liberalismus besaßen die Vertreter des Poetischen Realismus durchaus soziales Verständnis und anerkannten die Pflichten des einzelnen gegenüber der Gemeinschaft.

 

Der bürgerliche Realismus wird üblicherweise in zwei Phasen unterteilt: In der ersten Phase (etwa 1849–1859) werden die programmatischen Grundlagen des bürgerlichen Realismus festgelegt. In der zweiten Phase erhält der bürgerliche Realismus neue Impulse, etwa durch den Gesellschaftsroman, und wird kritischer. 

 

In   Deutschland und in der Schweiz stellte der Realismus zwar (meist ironisch-satirisch) die Welt des kleinstädtischen Spießers mit seinen trivial-romantischen Vorstellungen dar (Gottfried KELLER), legte die Fragwürdigkeit des großbürgerlichen Ehrenkodex bloß (Theodor FONTANE), ging aber am sozialen Problem des Arbeiterstandes vorbei.
Eine Weiterentwicklung des Poetischen Realismus erfolgte in Österreich ab ca. 1870: diese späte Form des Realismus, wie wir sie bei Marie von EBNER-ESCHENBACH und Ferdinand von SAAR finden, nahm z.T. schon den Naturalismus vorweg.
Eine weitere Sonderform war die Heimatkunst, die sich teilweise auch in Mundartdichtung artikulierte (z.B.Ludwig ANZENGRUBER und Peter ROSEGGER, Hermann LÖNS und Berthold AUERBACH).